Anika Vavic – Die Pianistin im Interview

Die serbische Pianistin in Berlin zu Gast

Wir müssen die Leute vom Alltag heilen

Diana Richter: Sehr sympathisch, sehr angenehm. Wenn man dich bei der Arbeit am Flügel sieht, bist du mit viel Leidenschaft dabei, sehr kraftvoll, sehr inbrünstig. Ist die Anika Vavic die wir bei einem Auftritt erleben anders als die private zuhause? Die Mutter einer vierjährigen Tochter und Kuschelmama eines Dackels?

Anika Vavic: Die zweite (lacht) ist viel erschöpfter und hat keine Zeit für sich. Aber dieser Kontakt mit der Musik gibt einem so viel zurück, dann ist man in einer eigenen Welt. Man versucht auch, die Belanglosigkeiten des Alltags abzuwenden. Wenn ich an so einem Stück wie Rachmaninov arbeite, das spiele ich seit vielen Jahren, bin ich ein glücklicher Mensch, weil ich das älter werden genieße. Im Sinne von, aha, jetzt habe ich noch mehr Durchblick. Jetzt spiele ich das schon so oft, es waren Zeitabstände dazwischen, weil ich andere Werke gespielt habe. Doch plötzlich habe ich eine Stelle besser verstanden, oder ich habe ein anderes Bild gesehen oder etwas Neues entdeckt. Ich muss sagen, also älter werden gefällt mir in der Hinsicht gut.Man vertieft sich einfach in ein Musikstück. Wenn man wenigstens das andere von sich fernhalten kann. Tochter, Kind, normales Leben, das gehört dazu. Und es war früher wahrscheinlich einfacher. Es ist schon ein großer Unterschied, eine Karriere ohne Kind, wo man den Fokus auf sich hat. (Vielleicht eine Spur zu viel) Und die Musik, wo man sich den Fokus wieder erkämpfen muss.

Diana Richter: Hast du Lieblingskomponisten oder Stücke, die besonders gerne spielst?

Anika Vavic: Es gibt Stücke, die ganz viele Bilder in mir hervorrufen. Und das ist sehr auf die Musik von Prokofiev, Brahms und Schumann ausgerichtet. Das sind die Komponisten, die bei mir etwas triggern. Das ich ganz reich werde. Ja.

Anika Vavic im Gespräch mit Diana Richter

Anika Vavic im Gespräch mit Diana Richter

Diana Richter: Du hast mal in einem Interview gesagt, Musik ist wie Medizin, und wir Musiker sind allesamt Mediziner und Psychologen glaube ich?

Anika Vavic: Nun ja, wir müssen die Leute vom Alltag heilen. Und kurz in eine Art Vakuum holen. Wir leben sowieso in einer Zeit, wo die Sinne überfordert sind oder schrumpfen. Es ist unsere Aufgabe, soviel zu geben, sie nicht zu therapieren aber mit einem ehrlichen Zugang und Respekt gegenüber der Musik holt man die Menschen. Die Musik hat Kraft, dieses Wortlose hat eine enorme Kraft. Wenn man gute Stücke spielt, kann man viel erreichen. Wenn man die Sinne anregt. Und da hat Rostropowitsch mir etwas wichtiges beigebracht. Bevor ich einen Ton spiele, muss ich mir einfach etwas vorstellen. Und so ging auch unser Unterricht teilweise. Er hat mir eine Symphonie genannt und ich musste ihm am nächsten Tag genau sagen, was ich Abschnitt für Abschnitt gesehen habe. Seine Überzeugung war, wenn man etwas ganz stark empfindet oder sieht, dass dann auch etwas Starkes rüberkommt. Man erzeugt andere Bilder beim Publikum, als wenn man nur den Notentext perfekt darstellt. Ich versuche das, und das ist genau der Punkt, wo ich das älter werden gut finde.

Diana Richter: Wie sehen deine Pläne für die nähere und fernere Zukunft aus?

Anika Vavic:  Dieses Jahr muss ich größere Stücke einstudieren, zum Beispiel Leonard Bernsteins „Age of Anxiety“. Für den Sommer das erste Mal das Grieg  Klavierkonzert. Ich gehe auch zurück zu meinem geliebten Prokofiev und seinem 3. Klavierkonzert, das ich das letzte Mal schwanger gespielt habe. Ich frage mich, wie es wird, mit einer vierjährigen Tochter und nicht einer, die mich auf der Bühne tritt (lacht). So bin ich viel mit diesen Werken unterwegs.

Diana Richter: Jetzt hast du gerade nochmal deine kleine Tochter angesprochen. Wird sie denn mal in Mamas Fußstapfen treten?

Anika Vavic: Wenn man sie fragt, was sie gerne machen möchte, sagt sie ich möchte Pianistin werden und Arzt. Der Papa ist Arzt. Sie will alles sein. Sie könnte sich auch Raketenbau vorstellen. Sie singt sehr gut. Sie hat ein gutes Gehör.

Diana Richter: Vielleicht steht sie in ein paar Jahren neben dir und singt?

Anika Vavic: Ich werde es nicht verhindern, aber es ist ein steiniger Weg.

Diana Richter: Was möchtest du deinen Fans vielleicht noch mit auf den Weg geben?

Anika Vavic: Danke, das sie wieder da waren. Mit mir. Auch zu den Berliner Konzerten kommen Freunde von überall angereist. Das weiß ich sehr zu schätzen. Ich würde gerne mehr Musik für junge Leute machen. Meine „Fans“ sind älter und ich hätte es gerne weitergegeben an ein jüngeres Publikum. Ich muss noch eine zündende Idee finden, wie man dieses Publikum lockt.

Diana Richter: Vielen Dank für das tolle Interview. Ich wünsche dir weiter viel Erfolg bei deiner großartigen Arbeit.

Das Interview fand am 1. Februar 2018 im Berliner Konzerthaus statt.

 

Website Anika Vavic

 

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